potztausend (potztausend) wrote,
potztausend
potztausend

Slash – die Frau als Fan, oder: Es gibt keine Zufälle

 Es sind Frauen, die slash lesen und schreiben, kommentieren, zeichnen und zu Filmen zusammen schneiden. Oft genug lese ich als Begründung für slash „Es macht Spaß, es zu lesen. Zwei knackige Jungs miteinander, welche nichtlesbische Frau würde da wegsehen? Es sind unterhaltsame Geschichten, ein hübsches, kleines Hobby. Aber das muss ja nicht jeder wissen.“
 
Wir wissen, dass es uns Spaß macht. Aber halten wir es für normal? Wie definieren wir „normal“? Ist das „Normale“ nicht das, was wir ohne Bedenken mit anderen teilen, seien es enge Freunde oder nur Arbeitskollegen? Keine Frau wird Probleme haben, im Nebensatz zu erwähnen, dass sie verheiratet ist oder ihre Eltern in Ostfriesland leben, auch wenn das Gegenüber nur flüchtig bekannt ist. Aber welche Frau erzählt, dass sie gerne jeden Abend zwei Stunden lang slash liest oder sieht? Und wem erzählt sie es? Ein oder zwei guten Freundinnen? Einem Partner? Den Arbeitskollegen? 
 
M/M-slash weicht ab von der Norm, ist etwas, bei dem viele Frauen seltsam angesehen würden, wenn sie davon erzählten. Das hat damit zu tun, dass eine Frau damit ihrer Umgebung gegenüber zugäbe, sich sehr regelmäßig mit sexuell orientierten Geschichten/Filmen zu beschäftigen, - so dass der Partner ins Grübeln käme, woran sie denkt, wenn sie mit ihm im Bett ist, und der Kollege überlegt, warum sie so ein leises Lächeln im Gesicht hat, während sie stupide 30 Kopien macht. Männer stellen sich die weiblichen Gedanken an Sexualität gerne mit einer Kerze und romantischer Musik vor, weniger in Richtung der Frage, ob Waffenöl beim Analverkehr geeignet ist.
 
Die meisten slash-Fans werden in einer stillen Stunde zugeben, dass es auch einfach ein leckeres Stück Körper ist, das wir gerne ansehen – nicht umsonst gibt es ein Avatar, bei dem Starskys Hintern in Großaufnahme zu sehen ist. Das macht uns nicht unbedingt besser als viele Männer, aber wer sagt, dass Frauen besser sind?
 
Meist sind die slash-Helden Polizisten, Agenten, Cowboys, Astronauten, also der Inbegriff der "klassischen" Männlichkeit. Und Sexualität zwischen hetero geprägten Männern bricht genau dieses Bild auf, macht die Rollen durchlässiger, erlaubt mehr Facetten. 
Bei einer gleichgeschlechtlichen Beziehung gibt es keine gesellschaftlich erwarteten Rollen mehr, nichts ist vorgegeben, jeder von beiden hat Stärke und Schwäche in sich, Hingabe und Eroberung. Es ist eine Erweiterung des Mann-seins, des Frau-seins, hin zu einem Auskosten so vieler möglicher Facetten des menschlichen Verhaltens. 
 
Das Interesse am M/M-slash hat etwas zu tun mit diesem Aufbrechen der klassischen Geschlechtsidentitäten, mit einer Darstellung der möglichen Facetten eines Menschen. Aber unsere westeuropäische Gesellschaft ist nicht so, dass wir frei aufwachsen, ungeprägt, offen für Alles. Wir bekommen als Kinder Werte vermittelt (wenn wir Glück haben), aber damit eben auch einen Rahmen, eine Grenze. Und so oft die Grenze gut ist, so sehr kann sie auch bei Charaktereigenschaften, die einem Geschlecht fest zugewiesen werden, einschränken. 
 
Und die Erweiterung dieser Grenze, diese Ausdehnung zieht an, kann faszinieren - insbesondere der Übergang. Gut geschriebene slash-Geschichten haben etwas Schwebendes im Übergang von Freundschaft zu Liebe, von Sehnsucht, die ganz vorsichtig die Hand ausstreckt, von Angst, von Schmerz, von Verspieltheit, von Seligkeit. Menschlich eben, nicht männlich oder weiblich.
 
Und warum sind wir Frauen die Fans? Sind wir Frauen unzufriedener als andere Frauen mit einer klassischen Weiblichkeit, brauchen stattdessen mehr Facetten für unser Leben? Oder ist es stattdessen ein „Ersatzleben“ für uns, weil wir uns nicht trauen, unsere Stärke ausreichend genug im realen Leben zu leben? Oder ist Heterosexualität zu wenig für slash-Anhängerinnen? Sehr lästige Fragen, finde ich. 
 
Wenn wir noch eine andere Grenze bei diesem Thema überdenken wollen: Menschen, die an Wiedergeburt glauben, gehen davon aus, dass eine Änderung des Geschlechts in den verschiedenen Leben eines Menschen möglich ist. Heißt das wohlmöglich, wir wären in früheren Leben schwule Männer gewesen? 
 
Nein, ich weiß keine Antworten. Aber mir fallen viele Fragen ein.
 
Tags: miscellaneous, slash
Subscribe
  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 20 comments