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Ein seltsamer Tag

 Bodie hatte gleich ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Noch während er den Daumen auf die Klingel drückte, tönte Doyles Stimme durch die Sprechanlage: „Na, wenn da nicht mein Bodie einen schönen Frühlingsmorgen mitbringt.“

Der Summer ertönte, und als Bodie durch die Haustür ging, drehte er sich um und warf noch einen letzten misstrauischen Blick auf die Klingel.

Auf Rays Esstisch stand eine dampfende Tasse Tee, der er sich nur vorsichtig näherte - so viel Fürsorglichkeit könnte einen Haken haben.

Mit dem Tee in der Hand drehte sich Bodie dann um, als Doyle aus dem Schlafzimmer kam - und nur seine Reflexe hinderten ihn daran, die Tasse einfach fallen zu lassen. Statt dessen fiel ausschließlich sein Kiefer Richtung Fußboden, denn Doyle stand in einer Bundfalten-Jeans vor ihm, das wollige Kapuzensweatshirt locker über den Hüften liegend.

„Gönnst Du den Kolleginnen heute ausnahmsweise nichts, Ray?“ fragte Bodie reichlich irritiert seinen Partner.

„Ich wollte endlich mal was Bequemes anziehen, Bodie. Ist ein viel besseres Körpergefühl, wenn die Klamotten so locker sitzen.“ Doyle hatte noch zwei Toastscheiben mit Marmelade auf dem Teller und als Bodie sich eine davon mopsen wollte, schlug er dessen Finger weg: „Lass das gefälligst, ich hatte erst drei Stück.“

Als Bodie sich dann zur Tür drehte, spürte er unerwartet die Hand seines Partners, wie sie sanft vom Nacken ausgehend hoch durch seine Haare strich. „Hab’s nicht so gemeint, Sunshine“, murmelte Doyle. Nachdenklich sah Bodie ihn an, sagte aber nichts. War ja auch gar nicht unangenehm, das Gefühl. Als sie dann in Doyles Capri zum Hauptquartier fuhren, rutschte Bodie irgendwann immer unruhiger auf dem Beifahrersitz hin und her – es war einfach zu leise im Auto, zu viel Ruhe im Innenraum, keine quietschenden Reifen, keine starken Bremsgeräusche, noch nicht einmal die Kupplung wurde hart geschaltet.

„Ray?“
„Was ist, mein Junge?“
„Alles in Ordnung mit Dir?“
„Natürlich, alles wie immer.“
„Klar. So wie immer. Hätte ich selber drauf kommen können... ‚mein Junge’.“

* * *

Mag sein, dass Lucas eine halbe Stunde später einen irritierten Blick zu McCabe rüberwarf, als Doyle mit einem fröhlichen „Guten Morgen die Herren“ in den Aufenthaltsraum des Hauptquartiers trat. Mag auch sein, dass Cowley sein kühles Auge eine Sekunde länger auf Doyle ruhen ließ, als der am Anfang der Besprechung „Was können wir denn heute Schönes für Sie tun?“ fragte.

Das „Schöne“ bestand darin, einen Deutschen zu beschatten, der verdächtigt wurde, der ultralinken Madder-Beinhoff-Gruppe anzugehören – ein Routinejob, den sie gelangweilt entgegen nahmen. Dummerweise platzte Bodie, nachdem sie den Mann erst verloren hatten und dann wiederfanden, ein herzerfrischendes „Da isser ja“ heraus. Es war natürlich reiner Zufall, dass sich der Beschattete sofort zu Bodie umdrehte und danach im Dauerlauf in einer U-Bahn-Station verschwand.

Die Verfolgungsjagd ging über mehrere U-Bahn-Linien, durch einen kleinen Park, dann durch die Sanitätsabteilung eines Warenhauses bis hoch auf das Dach einer stillgelegten Industrieanlage, wo Doyle erst auf gerader Fläche auf dem rechten Fuß ausrutschte und danach beim unbeholfenen Hochklettern vom Geländer auf das darunter liegende Zwischendach abstürzte. Der Verdächtigte war inzwischen über alle Berge.

„Nu isser weg,“ sagte Bodie leise.

* * *

Als die Beiden mit schmerzverzerrten Gesichtern im Hauptquartier ankamen und auf dem Weg zum CI5-Arzt das Cowley-Büro weiträumig umwanderten, fielen sie ihren Kollegen in die Hände. Was von beiden Möglichkeiten Sodom und was Gomorrah war, wollte Bodie nicht mehr beurteilen. Nicht an so einem verdrehten Tag wie diesem.

Murphy hatte mit seiner gnadenlosen Befragungstechnik schnell herausgearbeitet, dass Doyle einen Meter tief gefallen war („Was? Einen ganzen Meter, Doyle? Junge Junge, das muss ja ein Fahrtwind gewesen sein.“) und sich dabei eine starke Prellung am Hinterteil zugezogen hatte, während sich Bodie, als er seinem Partner zu Hilfe kommen wollte, den linken kleinen Finger zwischen dem Geländer und einer Metalltür verklemmt hatte („Meinst Du nicht auch, Mac, dass Bodie seine unfähigen Wurstefinger überall reinsteckt?“ „Klar, Murph, das sagte Betty neulich doch schon.“).

Als die Beiden von der ärztlichen Behandlung zurück kamen, fragte Mac gerade im Schreibpool bei den grinsenden Kolleginnen nach, wer denn das Doylesche Hinterteil einsalben wollte, während Murph erklärte, dass man auch einen eingegipsten kleinen Finger beim Teetrinken wunderbar abspreizen könne. Als dann Jax beim Thema Gips noch eine Abstimmung dazu vorschlug, ob denn ein eingegipster Hintern von Doyle die Ausmaße von Bodies Arsch erreichen könnte, wünschten sich die Beiden für den Rest des Nachmittags weit weg ins verhasste Aktenarchiv.

Was weiters kein Problem war, denn als sie Cowley in die Hände fielen, hatte der die gleiche Idee - und dann sogar noch für die nächsten fünf Tage.

* * *
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Nach dieser Ankündigung trat Cowley vor sein Topteam und sah sie mit einer offensichtlich sehr schlechten Laune an.
„Bodie, CI5 hat ein offizielles Beschwerdeschreiben der Harrods-Geschäftsleitung erhalten, dass der Sanitätsabteilung mehrere Paar Stützstrümpfe abhanden gekommen sind und das Regal für die Senioren-Slipeinlagen umgerissen wurde, als Sie beide diese auffällige Verfolgungsjagd durchführten.“

„Ja Sir, ich meine, nein Sir.“ Bodie stand stramm und verzog keine Miene.

„Was denn nun, Bodie? Doyle – Sie hören sofort auf zu grinsen!“

„Ja Sir.“ Es war anatomisch fast unmöglich, wie schmal Doyle seine Lippen zusammen pressen konnte.

„Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, Doyle, dass Sie Bodie, als Sie ihn aus den Slipeinlagen heraus holten, in den Arm genommen haben und ausgerufen haben sollen ‚Bodie-Herz, geht es Dir gut?’ Das ist ein indiskutables Verhalten für ein Agenten von CI5!“ Cowley betrachtete Doyle mit eisigen Augen.

„Ja, Sir, Entschuldigung Sir. Vermutlich lag es daran, dass die Luft alkoholgeschwängert war und ich nicht mehr klar denken konnte.“

„Alkohol in einer Sanitätsabteilung, Doyle?“

„Sir, Sie wissen doch, diese Stärkungsmittel für ältere Menschen – es gab da einen Probierstand, und als die Slipeinlagen mit dem Regal umfielen und den Probierstand nebenan umrissen, da fegte es diese braunen Flaschen...“

Cowley unterbrach ihn und verdrehte die Augen. „Schluss, aus, ich will nichts mehr davon hören. Die Stützstrümpfe, Slipeinlagen und Stärkungsmittel werden Ihnen Beiden zu gleichen Teilen vom Gehalt abgezogen. Wegtreten!“

* * *

„Was muss ich denn jetzt machen, Ray? ‚Druck’ drücken oder die Plängtaste, oder was?“ Bodie wühlte mit der linken Hand durch seine kurzen Haare, während er mit der rechten, genauer gesagt mit dem rechten Zeigefinger, unschlüssig über der Druck-Taste des Archivcomputers schwebte.

„Aber Bodie – Du bist doch sonst nicht so zögerlich.“ Doyle stand hinter ihm und beugte sich jetzt hinunter, sein Atem ungewohnt nahe an Bodies rechtem Ohr, und jetzt...

Ohhh.

Bodie spürte Rays Wange ganz sanft an seiner – und dann den Doyleschen Zeigefinger, wie er sich fest auf seinen legte und sie gemeinsam die Druck-Taste auslösten.

„Das hat doch gar nicht weh getan, Bodie – es ging doch ganz glatt hinein. Frag mich nur, wenn Du das noch einmal brauchst, Sunshine...“ Dann leckte Ray ganz langsam von hinten nach vorn über den Rand von Bodies rechter Ohrmuschel. Als der sich atemlos umdrehte, sah er in Rays Augen tausend grüne Teufelchen tanzen.

„Nun, also...“ Bodie räusperte sich. „Diese... ähm... Sondersoftware... das ist... ich wollte... hatte ich eigentlich etwas gefragt, Ray?“
Doyle grinste, ging an den anderen Schreibtisch zurück und setzte sich sehr vorsichtig auf das Stuhlkissen. „Bodie, die Taste heißt übrigens ‚Return’ und nicht ‚Pläng’“.

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* * *

Am nächsten Morgen stand Bodie vor Doyles Klingelschild, beide Hände in den Taschen. Er dachte an den gestrigen Tag zurück, und an einen Abend, der ganz anders verlaufen war, als er sich das gedacht hatte. Direkt nach Feierabend hatte sich Doyle verzogen mit den Worten „Ich hab mir ein Buch über die Geschichte des Söldnerwesens gekauft, das fange ich jetzt an zu lesen. Ich muss endlich mal etwas mehr über Dich erfahren.“ Bodie hatte ihm nur fassungslos hinterher gestarrt.

Jetzt nahm Bodie zögernd seine rechte Hand aus der Tasche und drückte den Knopf. Nach einigen Sekunden anhaltenden Klingelns hörte er zu seiner großen Erleichterung Doyles ruppige Stimme: „Verdammt, Bodie, beschwer Dich später nicht über Fingerkrebs, wenn Du stundenlang draufdrückst. Komm gefälligst hoch.“

Bodie schaute noch einmal beruhigt zur Klingel hinüber und stieg die Treppe hoch. Als er in Doyles Wohnung trat, sah er gerade seinen Partner, wie der in einer hautengen Jeans und seinem engen grünen T-Shirt auf die Küchenarbeitsplatte sprang, um eine Birne in der Deckenlampe auszuwechseln. Hinunter ging es dann genauso geschmeidig wie hoch. Bodie entspannte sich.

„Können wir los, Ray, oder willst Du noch was essen?“

Doyle schüttelte den Kopf und ging vor ihm in Richtung Garderobe. „Ich hatte nen Tee, das reicht.“

Gut gelaunt legte Bodie spontan einen kurzen Spurt ein, fasste dabei mit seinen beiden Händen rechts und links an Doyles Hüfte und schob ihn zu den Garderobenhaken am Ende des Flurs. Dort drehte sich Doyle zu ihm um, während Bodie seine Hände ganz locker auf der Jeans seines Partners ließ. Durch die Drehung verlor sich Bodies Kontakt zur Doylesche Hüfte erstaunlich schnell.

Sah man das Ganze rein unter dem Blickwinkel der Bekleidung, war es inzwischen Doyles Reißverschluß, auf dem Bodies eine Hand gelandet war, und Doyles hintere Jeanstasche, auf der seine andere Hand lag.

* * *

Nach einer halben Minute unbewegter Stille zwischen ihnen knackte ein noch warmer Küchenherd.

„Ich sollte noch mal nachsehen, bevor wir gehen“, sagte Doyle etwas geistesabwesend und blieb stehen.

„Mach das“, erwiderte Bodie in Gedanken und ließ seine Hände, wo sie waren.

„Nicht, dass wir zu spät ins Archiv kommen, Sunshine.“

„Das wäre wirklich unglücklich, Ray.“

„Du solltest Deine Hand von meinem Reißverschluss nehmen, Bodie, dann können wir sofort los.“

„Ja, das sollte ich. Obwohl es eine wunderbare neue Jeans ist, Ray.“

Mit diesem Worten griff Bodie noch einmal etwas fester, aber liebevoll zu und spürte den Schauer, der durch Doyles Körper ging.

Es würde ein wirklich schöner Tag im Archiv werden.
  
 

Comments

smirra
Aug. 26th, 2010 07:31 pm (UTC)
Meisterschaft in Anführungen. Und du kennst ja vielleicht die Baumarktwerbung: in jedem Mensch steckt ein Meister. Nicht zuletzt Fanfiction macht mir bewusst dass auch ganz "normale" Leute interessante Talente auf Lager haben. Die mit Übung wie Du sagst sich auch entwickeln.

Magst Du Dir übrigens auch eine detallierte Kritik von mir einfangen? Komme wahrscheinlich aber erst nächste Woche dazu.
potztausend
Aug. 26th, 2010 08:16 pm (UTC)
Aber gerne doch. Einfach hier drunter hängen, völlig egal was drin steht. (Jetzt fange ich gerade an zu überlegen, welche Stellen ich selber gut finde und welche eher banal *g* - und inzwischen vermute ich, dass Harrods überhaupt keine Sanitätsabteilung für ältere Menschen hat...)